Konstitution, Disposition und Diathese

Naturheilkunde und komplementäre Medizin verstehen sich als individuelle Medizin. Sie wollen die Selbstheilungskraft Ihres Organismus entfachen. Individualität bedeutet dabei, dass die gewählten Therapieformen auch auf die Möglichkeiten der Reaktionsfähigkeit Ihres Körpers abgestimmt sein müssen. In diesem Zusammenhang sind drei wichtige Begriffe zu beachten:


Konstitution

Darunter versteht man die Summe aller ererbten und erworbenen Eigenschaften des Körpers, die einen Menschen – in Abhängigkeit von unterschiedlichen Faktoren (z.B Ernährung, Lifestyle, Risikofaktoren) – bestimmte Erkrankungen entwickeln lassen. Anlagebedingte Schwachstellen und genetisch individuelle und familiäre Dispositionen spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Der Begriff Konstitution ist in der Naturheilkunde von großer Bedeutung. In fast allen traditionellen Medizinsystemen baut eine individualisierte Therapie auf der Berücksichtigung der Konstitution des Patienten als wichtige Voraussetzung für den Therapieerfolg auf. Die Gesamtheit individueller Faktoren steht also in engem Zusammenhang mit der Krankheitsentstehung, aber auch mit ihrem therapeutischen Prozess .

In der TEM z.B ordnet Hippokrates den 4 Säften 4 Temperamente zu: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker. In der 5 Elementenlehre der TCM werden den 5 Wandlungsphasen neben inneren Organen auch Sinnesorgane und Emotionen zugeordnet, im Ayurveda finden sich Prakrti als individuelle Konstitution und auch tibetische Medizin verbindet Elemente mit Konstitutionen. In der Homöopathie wird vom Konstitutionsmittel gesprochen.

Der Konstitutionsbegriff wird zudem – je nach Medizinsystem – unter unterschiedlichen Aspekten definiert, so z.B. unter regulativen, oder psychischen Gesichtspunkten, Empfänglichkeit für elektromagnetische Wellenfrequenzen oder Reizempfänglichkeit, Verdauungsmerkmalen oder nach spezifischen Befunden wie z.B. Pulsqualitäten oder Zungendiagnose oder nach dem Körperbau usw. In Bezug auf den Körperbau sind insbesondere Körperhaltung und Bauchformen nach F.X. Mayr und das konstitutionelle Konzept nach Kretschmer zu nennen:

Der Psychater Kretschmer entwickelte folgende Typologie aus seinen Patientenbeobachtungen:

Leptosome lang vertikal hoch geschossene, hagere und feingliedrige Menschen mit

“schizothymen” Temperament und hoher Sensibilität, kühl und distanziert nach außen wirkend, introvertiert, still und feinfühlig

Pykniker kleine, fettleibige gedrungene Menschen mit

“zyklothymen” Temperament als geselliger Gemütsmensch, gutherzig, weich, humorvoll, ruhig

Athletiker große, muskulös kräftige Menschen mit

“viskösem” Temperament, Beharrungsvermögen, etwas Schwerfälligkeit und sozialer Treue und Zuverlässigkeit

Wichtige Aspekte der Konstitution sind auch die sogenannte „sthenisch“ -sympathikotone Konstitution mit Fülle-Aspekten und die „asthenische“ -parasympathikotone mit Leere-Aspekten als mögliche Reaktionsweisen in der Konstitutionslehre, die die Lehre vom Tonus als eher schlaffe oder straffe Konstitution erweitern.


Disposition

Darunter versteht man die Bereitschaft eines biologischen Systems, auf bestimmte (schädliche) Einflüsse mit erhöhter Krankheitsbereitschaft zu reagieren. Sie ist genetisch angelegt und kann latent bleiben oder manifest werden. Sie ist – wie auch Diathese – eine Variation der Grundkonstitution. Unterschieden werden z.B.:

neurogen – sensible Disposition

mit Neigung zu neurologischen Erkrankungen (v.a. Kopfschmerz, Migräne) und funktionellen Störungen ohne organischen Befund (z.B. Herzrasen, Colon irritabile)

mesenchymale Disposition

mit Beschwerden des bindegewebigen Stützsystems (Bänder, Gelenke, Venen) und funktioneller Schwäche des Hormonsystems

vegetativ – spastische Disposition

mit Beschwerden der Muskulatur (Schmerzen, Krämpfe, auch zerebrale Krampfneigung) und Mikrozirkulationsstörungen

glandulär – pathologische Disposition

mit endokriner und exokriner Drüsenschwäche (Verdauungsschwäche, Diabetes mellitus)


Diathese

Darunter versteht man die ererbte oder erworbene Neigung, vorrangig an bestimmten Organsystemen zu erkranken. Auch Diathesen sind eine Variation der Grundkonstitution, sie können latent bleiben, bis ein (schädigender) Reiz sie aktiviert. Unterschieden werden z.B.:

exsudative Diathese

mit Ekzemneigung, Hautproblemen, Bindegewebsstörungen, unklaren Gelenk- und Muskelbeschwerden und -schmerzen

Übersäuerungsdiathese

mit Gelenkbeschwerden und Muskelschmerzen

lipämische Diathese

mit (Arterio-) Sklerose, Leberschwäche und -erkrankungen, Hypothyreose, Venenentzündung

allergische Diathese

mit allergischen und immunologischen Erkrankungen, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen