Schröpfen

Schröpfen zählt zu den ältesten Ausleitungsverfahren westlicher Medizingeschichte – bereits Hippokrates beschreibt die Anwendung bei Kopfschmerzen, Schwindel und Gelenkentzündungen – und auch in den ostasiatischen Medizinsystemen Chinas, Indiens, Tibets, Persiens und Arabiens ist das Schröpfen als Therapieform etabliert. Für die Wirkung sind einerseits sogenannte kutiviszerale und viscerokutane Reflexe des autonomen Nervensystems zwischen Haut, Muskulatur, Bindegewebe, Gelenk- und Sehnenstrukturen mit „Nozirezeptoren“ innerer Organe verantwortlich. Deshalb werden die den erkrankten Strukturen reflektorisch zugeordneten Areale auf der Haut auch als Schröpfzonen bezeichnet. Neben dieser horizontalen „Innen-Außen-Kopplung“ ist andererseits eine vertikale „Oben-Unten-Kopplung“ vermittelt über Leitungsbahnen des vegetativen Nervensystems im Rückenmark zu Stammhirnarealen bis hin zur Großhirnrinde bzw. über das vertikale System der 12 Hauptmeridiane nach chinesischer Medizin für die Schröpfwirkung verantwortlich, sodaß Schröpfzonen quasi an den Schnittstellen dieses vertikal und horizontal verlaufenden Kommunikationssystems an bestimmten Hautarealen auftreten.Schröpfen

Über diese Kopplungseffekte hinaus werden durch das Schröpfen auch lokale Effekte zu Gunsten der Lymphzirkulation, Gewebeperfusion und vasomotorischer Funktion erzeugt, die die Stoffwechselfunktion im Areal verbessern, die Sauerstoffzufuhr erhöhen, Gewebeübersäuerungen ableiten und das Immunsystem unspezifisch aktivieren können. Man unterscheidet zwischen trockenem und blutigen Schröpfen:

Bei trockenem Schröpfen wird der gläserne Schröpfkopf mit Unterdruck auf der Schröpfzone aufgebracht, wobei der Unterdruck durch „feuriges Schröpfen“ oder durch einen Gummi-Sogball am Ende des Schröpfkopfs erzeugt wird und dadurch die Haut als Falte in den gläsernen Schröpfkopf einsaugt. Trockenes Schröpfen wird vor allem bei scharf begrenzten, verhärteten, teigig-sulzigen und nicht schmerzhaften Schröpfarealen angewandt. Indikationen sind als Leerezustände bezeichnete und bei sogenannter asthenischer Konstitution auftretende Symptomenkomplexe wie: niedriger Blutdruck, Frierneigung, Abgeschlagenheit, ständige Müdigkeit, Schwächezustände, Energiemangel, Appetitlosigkeit, verzögerte Rekonvaleszenz nach durchgemachten Erkrankungen und Erkrankungen wie akute und chronische Bronchialerkrankungen, funktionelle Herzbeschwerden, allgemeine Mangeldurchblutung, Oberbauchbeschwerden, Verdauungsinsuffizienz, Verstopfung, Urogenitalbeschwerden, Coxalgie, Osteoporoseschmerz, Wirbelsäulenbeschwerden, u.a. Die Therapie dauert bei deier Saugdauer von 10-20 min etwa eine halbe Stunde und kann in 3-7 Tagen wiederholt werden.

Bei blutigem Schröpfen wird die Haut über der Schröpfzone vor Aufbringen des Schröpfkopfs eingeritzt, um Mikroblutungen im Schröpfareal durch den Unterdruck im Schröpfkopf zu induzieren. Blutiges Schröpfen wird vor allem bei druckempfindlichen, gestauten, prallelastischen, evtl. mit „Besenreisern“ versehenen, schmerzhaften Arealen im Bindegewebe angewandt. Indikationen sind als konstitutionelle Füllezustände bezeichnete Symptomenkomplexe bei essentiellem Bluthochdruck, definierten Schmerzen und Koliken, einigen Migräneformen und Neuralgieen sowie Lumbalgie und Ischalgie und bei Erkrankungen im HNO-Bereich, Asthma bronchiale, Lungenentzündung, asthmoider Bronchitis, Durchblutungsstörungen der Beine, einigen Magen-, Bauchspeicheldrüsen- und Galleerkrankungen, Nieren- und Blasenerkrankungen, Beschwerden im Beckenraum, Unterbauchbeschwerden, Dysmenorrhoe, hormonelle Dysbalancen während des Klimakteriums, u.a. Die Therapie dauert bei einer Saugdauer von 10 bis 20 Minuten eine halbe bis dreiviertel Stunde und soll bei chronischen Erkrankungen nach 10-14 Tagen wiederholt werden. In bestimmten Fällen wird das durch blutiges Schröpfen gewonnene Blut noch zu einer Eigenbluttherapie oder als Informationsträger am Eingang einer Bioresonanztherapie eingesetzt. Als „Nebenwirkung“ muß in beiden Fällen mit der Bildung eines Hämatoms am Schröpfareal über 8-10 Tage gerechnet werden.

Studienbasiert belegt mit hoher Evidenz ist die positve Wirkung des Schröpfens in der Tonsillenzone bei Beschwerden wie Kribbelgefühlen und Schmerzen im Sinne eines Karpaltunnelsyndroms und bei Nackenschmerzen, die Linderung chronischer Rückenschmerzen durch Schröpfen der Schmerzareale und eine Absenkung des LDL-Cholesterins durch blutiges Schröpfen mit Verbesserung der LDL/HDL Ratio.

Eine Sonderform des Schröpfens stellt die Schröpfkopfmassage als Form der Vakuum-Saugmassage dar, die heute auch in der physikalischen Therapie gern angewendet wird. In der Komplementärmedizin wird die Technik darüberhinaus auch diagnostisch verwendet, wenn punktförmige Einblutungen als Folge erhöhter Kapillarpermeabilität in bestimmten Zonen auf lokale Zirkulationsstörungen hinweisen. Nach Aufbringen von Massageöl wird dabei der Schröpfkopf entlang der Wirbelsäule auf- und abgefahren. Indiziert ist die Technik bei Restbeschwerden nach Pleuritis und Atemwegserkrankungen, bei Oberbauch-beschwerden und bei Ulcus ventriculi und duodeni. Die Therapie dauert 5-10 Minuten und wird bis 2 mal pro Woche durchgeführt.